Beanies Tagebuch

von Kathrin


Unsere Beanie kam in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag, um 00:59 Uhr mit einem Gewicht von 320 Gramm zur Welt. Alles schien normal, die Kleine war aktiv und hing ordentlich an Mamas Milchbar. Der Gewichtsverlust am gleichen Tag auf 290 Gramm beunruhigte uns noch nicht, da dies völlig normal ist.

Am Freitag hätte sie zunehmen müssen, tat es aber nicht, obwohl sie ständig an die Zitzen ging. Sie trank und trank und wurde trotzdem immer weniger. Jetzt waren es nur noch 270 Gramm. Beanie baute innerhalb kurzer Zeit so schnell ab, das Bäuchlein war eingefallen, sie sah schrecklich dünn aus. Es ist unglaublich wie schnell das ging. Unsere Tierärztin war ausgerechnet jetzt für mehrere Tage zu einemSeminar. Uns blieb also nur die Tierklinik. Wenn man einmal den Tierarzt seines Vertrauens gefunden hat, fällt es verdammt schwer sich in fremde Hände zu begeben. Bernd rief in der Klinik an und wurde von dem Arzt erst einmal mit Fragen bombardiert. Ungeduld und Wut machte sich in mir breit. Der Arzt kommt nicht ins Haus, wir müssen hin. Was machen wir mit Cleo? Sie kann nicht allein bleiben. Also „Tante Petra“ (Bernds Cousine) angerufen. „Petra wir brauchen dich, wir müssen mit Beanie in die Klinik“. Gott sei Dank, sie war sofort zur Stelle.

Ich betrat die Klinik mit Skepsis, hatte eine scheiß Angst, dass es dort nicht sauber genug ist und die Kleine sich auch noch eine Infektion holt. Der eine oder andere mag denken, ich übertreibe. Aber immer wieder hört und liest man, dass Würfe an Infektionen zu Grunde gehen. Der Arzt kommt und die Sympathiequote lag bei Null. Wir schildern Beanies Symptome. „Sie trinkt aber es kommt nichts im Magen an“. „Schluckt sie denn?“ „Ja, sie schluckt“. „Na dann muss auch was ankommen, das geht ja nicht“. Wir erzählten und erzählten, aber irgendwie machte das keinen Sinn. Der Arzt hörte uns gar nicht zu. Medizinisch gesehen wurde dem Böhnchen sofort geholfen. Sie bekam eine Infusion und Antibiotikum. Mit dem Hinweis, wir sollen Beanie alle 30 Minuten an die Zitzen legen und bloß nicht Flasche geben, sonst geht sie nie wieder an die Zitzen, und, wenn es nicht besser wird sollen wir morgen wiederkommen, wurden wir nach Hause geschickt. Bernd und ich sahen uns im Auto an, uns war klar, wenn wir Beanie  alle 30 Minuten an die Zitzen legen wird sie noch schwächer. Wir entschieden uns für die Flasche.

Um aber ganz sicher zu gehen, dass wir das richtige tun, schickten wir einen Hilfeschrei per SMS an unsere Tierärztin. Wenig später rief sie uns an. Sie vermutete, dass Beanie zu viel Fruchtwasser abbekam und dadurch Schluckbeschwerden hat. Sie verbraucht enorm viel Energie beim Kampf um eine Zitze und wird immer schwächer. Sie benötigt weiter Antibiotikum. Wir sollen sofort Flasche füttern. Also ran an die Flasche, so oft es geht. Du musst sie zwingen, du musst, du musst…. Ok, ich muss. Auf in den Kampf.

 

Aber so einfach ist das auch nicht. Welcher Sauger hat nun die richtige Größe für die kleine Schnute. „Schatz, guck mal, der ist so groß wie eine Zitze, den bekommen wir nicht rein und außerdem ist das Loch zu groß“. Der ganz kleine ging auch nicht. Also die mittlere Größe. Vor lauter Verzweiflung und Sorge um Beanie lese ich die Packungsbeilage der Welpenmilch falsch und sage empört zu Bernd „wieso soll die Kleine die Milch bei 70° bekommen. Das ist doch viel zu heiß. Cleo produziert doch niemals Milch die 70° heiß ist“. Bernd guckt mich an „oh je Schatz, das Milchpulver soll bei 70° Wassertemperatur aufgelöst werden und die Milch lauwarm gefüttert.“
Nun wurde es spannend. Ich legte die kleine Bohne in meine linke Hand und versuchte krampfhaft ihr Mäulchen zu öffnen. Schrecklich diese Angst, ihr dabei weh zu tun oder sie gar zu verletzen. Schlimmer noch, sie darf sich nicht verschlucken, sonst bekommt sie Milch in die Lunge und das kann tödlich enden. Nach einigen Fehlversuchen gelang es mir. Der Sauger war drin und unser Böhnchen trank. Als ich in meiner Hand das Gluckern in ihrem Bauch spürte, kamen mir die Tränen. Bernd stand gespannt da und fragte immer wieder „und, trinkt sie, trinkt sie...?“. Ja, sie trinkt. „Gott sei Dank“ sagte er und ihm fielen ebenso Felsbrocken vom Herzen. Gleich auf Anhieb trank Beanie 10ml. Beanie war völlig ausgehungert. Der Bauch wurde endlich wieder rund. Uns gelang es Beanie wieder von 270 Gramm auf 290 Gramm zu bringen.

 

Wir gaben sie immer wieder zu Cleo, damit sie den Bauch massiert und die Verdauung anregt. Man, wir haben uns noch nie so dermaßen über Welpenkacke gefreut. Alle zwei Stunden Flasche kochen. Tag und Nacht. An Schlaf ist vorerst nicht zu denken. Bernd und ich sind ein gutes Team. Er schmeißt den Haushalt und kümmert sich um den Rest der Bande. Erledigt die Einkäufe, Gartenarbeit…


Samstag: 10 Uhr sind wir wieder in der Klinik. Ein anderer Arzt ist diesmal da. Beanie bekommt eine Vitaminspritze, Antibiotikum und Infusion. Dieser Arzt erschien uns kompetent, er erklärte uns worauf wir achten müssen. Er war von Flaschenernährung ganz und gar nicht abgeneigt. Beanie erreichte ein Gewicht von 300 Gramm und wir machten weiter wie gehabt. Alle zwei Stunden…


Sonntag: wieder in der Klinik, derselbe Arzt wie gestern. Nun wurde es spannend, hatten wir uns zu Hause vertan, wog Beanie beim Arzt das Gleiche? Jawoll, unser Böhnchen brachte 310 Gramm auf die Waage. Es scheint aufwärts zu gehen. Der Arzt sagte, sie sieht gut aus, sie wird es schaffen. Medikamente bekam sie keine mehr! Am Sonntagmorgen setzte auch der fehlende Milchtritt ein. Wir freuen uns wahnsinnig und sind voller Hoffnung, dass Beanie nur leichte Startprobleme hatte und es ab jetzt richtig voran geht.

 

Flasche kochen war zur Routine geworden. Ich wusste schon genau wie lange ich die Mineralwasserflasche ansetzen musste um genau 20ml Wasser in die Babyflasche zu bekommen. Ich stehe nachts in der Küche und schüttle mit geschlossenen Augen die Flasche. Mir fällt dabei eine Szene mit Kyrstie Alley in „hör mal wer da spricht“ ein.   Bernd war inzwischen auch schon völlig übermüdet und greift unter der Dusche zur  Zahncreme, er starrt in seine Hand und findet die Form der Duschcremepackung fragwürdig. Unsere Hauptnahrung besteht derzeit nur noch aus Schokowaffeln. Wir funktionieren nur noch aber es wird nicht gejammert. Es muss weitergehen…


Montag früh: der erschreckende Blick auf die Waage, Beanie hat wieder abgenommen. Runter auf 290 Gramm. Wo zum Teufel geht das alles hin? Und wann und wie verbraucht sie so viel Energie, dass die Nahrung, die sie zu sich nimmt einfach nicht ansetzt? Wir sind fix und fertig und warten sehnsüchtig auf unsere Tierärztin. Erleichterung als sie endlich kommt. Sie untersucht die Kleine. Das Herz schlug kräftig und die Lunge war frei. Telefonisch hält sie Rücksprache mit dem TA aus der Klinik weil sie sich wunderte, dass Beanie keine weiteren Medikamente bekam. Wir müssen dann doch mit unserer Ärztin in die Praxis, damit Beanie dort noch einmal ein Aufbaupräparat, Infusion und Antibiotikum bekommen konnte. Um uns zu ersparen, zwei Mal täglich zu ihr zu fahren, fragte sie mich, ob ich in den Lage sei Beanie morgens und abends zu spritzen. Zum Glück bin ich bei solchen Dingen nicht zimperlich, kein Thema, ich mache das.

Die 5 anderen Welpen und Cleo werden von ihr untersucht. Alles ist in bester Ordnung.

 


Cleo und ich sind schon ein eingespieltes Team. Wenn sie mich mit der Flasche ins Zimmer kommen sieht, nimmt sie sofort Beanie an sich und massiert sie um die Verdauung anzuregen. Die funktioniert ohne Probleme. Ich gebe der Kleinen die Flasche, nach zwei Minuten legen wir eine Pause ein und Cleo übernimmt wieder ihren Part. Dann geht es weiter mit der Flasche, bis das Böhnchen eingeschlafen ist.

So lange Cleo sich um Beanie genauso kümmert wie um die anderen Welpen, sie nicht wegschiebt, ihr weiterhin Zuwendung gibt, so lange die Kleine trinkt und kämpft, so lange geben wir sie auch nicht auf.

 


Dienstag: Wir sind wieder auf 300 Gramm und müssen die unbedingt halten. Zusätzlich haben wir eine Wärmflasche in die Wurfkiste gelegt, die Beanie auch gleich in Anspruch nahm. Seit heute wackeln ihre Ohren, sie hebt das Köpfchen, der Milchtritt ist noch heftiger geworden. Sie setzt ihre Vorderläufe nun endlich genauso ein wie die anderen. Was die Vitalfunktionen betrifft, hat Beanie aufgeholt undist auf dem gleichen Stand wie ihre Geschwister.

Wir notieren peinlich genau jeden Milliliter der aus der Flasche fehlt. Heute nahm sie mit 10 Mahlzeiten 74ml zu sich. Sie trinkt in sehr kleinen Mengen, Mal sind es 6ml, mal nur 4ml. Am Nachmittag schaffte sie 14ml. Irgendwo muss das ja hingehen. Am Nachmittag halten wir telefonisch Rücksprache mit der TA. Sie ist mit der Trinkmenge sehr zufrieden und warnt uns, keine Pause zu machen. Beanie darf nicht abnehmen. Sie muss das Gewicht heute halten und morgen 10 Gramm mehr auf der Waage haben. Morgen Vormittag telefonieren wir wieder.

Cleo ist heute anders. Immer wenn ich Beanie füttere, legt Cleo ihre Pfote auf meine Hand. Sie leckt sie heut besonders stark ab.
Bernd schläft jetzt für ein paar Stunden, dann ist Schichtwechsel.


20 Uhr: ich füttere Beanie, lege sie auf die Waage, immer und immer wieder,  288 Gramm.

Ich schaue in die Wurfkiste und sehe frisches Blut auf der Decke. Bernd betritt das Zimmer, sieht mich heulen. Wir wussten was zu tun ist. Wir fahren in die Praxis, lassen Ultraschall machen.

Beanie hat den Kampf um 21 Uhr verloren. Todesursache: Nierenversagen.


Noch nie in meinem Leben habe ich einen Mann so bitterlich weinen sehen. Wir sind beide wie gelähmt und unendlich traurig, dass wir Beanie verloren haben. Schuldzuweisungen, Zweifel an dem was wir getan haben, „hätte wenn und Aber“ kommen für uns nicht in Frage.

Wir haben alles versucht, doch es war ein Kampf den Beanie nicht gewinnen konnte.
Es muss weitergehen. In der Wurfkiste liegen 5 bezaubernde Welpen, die uns brauchen. 


Ruhe in Frieden meine kleine Bohne.